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"Haariger Fang" - Die Geschichte über den Hund, der in Seenot geriet

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Das hier zu erzählende Erlebnis ereignete sich vor einigen Jahren gegen Ende November im Rahmen einer Schleppausfahrt auf einem meiner Lieblingsgewässer, dem Lago di Caldonazzo. Seit gut sieben Stunden war ich bereits schleppend auf dem Gewässer unterwegs. Die von einem stahlblauen Spätherbsthimmel strahlende Sonne hatte die Angelei vom Boot zu einem, wenngleich erfolglosen, so zumindest sehr entspannendem Vergnügen werden lassen. Nun aber, nach Sonnenuntergang, war es schlagartig empfindlich kalt geworden, sodass ich mich, auch aufgrund der bald hereinbrechenden Dämmerung, recht eilig in Richtung Hafen aufmachte. Selbst die ansonsten bis zum allerletzten Moment im Wasser verbleibenden Schleppangeln (schließlich weiß man ja nie…) hatte ich an jenem Tag bereits eingeholt und im Boot verstaut. Angeschoben vom leise dahinsurrenden, kleinen Außenborder, kam ich nach gut halbstündiger Fahrt über den still und einsam daliegenden See in den Bereich des unweit meines Hafens gelegenenen Seebads, das bis in den September hinein alljährlich von Touristenmassen bevölkert wird. Nun aber, im Spätherbst, war auch dieser Seebereich wie leergefegt. Am Ufer war weit und breit keine Menschenseele zu erkennen.

Verzweifelte Hilferufe am Ufer

Oder etwa doch? Tatsächlich fiel mein umherschweifender Blick auf eine Person, die wild gestikulierend am Ufer auf und ab lief. Die Handbewegungen waren eindeutig und ließen nichts Gutes erahnen. Mit Vollgas steuerte ich das Seebad an. Wenige hundert Meter vom Ufer entfernt vernahm ich nun auch die Hilferufe der aufgeregten Person. Kurz darauf erreichte ich das besagte Seeufer. Der Hilfesuchende erwartete mich bereits merklich ungedultig nahe am Wasser. Sein Begleiter, Namens Charlie, war im Wasser gelandet und seit geraumer Zeit nicht mehr zu sehen. Natürlich packte nun auch mich die Aufregung, da ich mit einer im Wasser verunglückten Person, vielleicht ein Kind, möglicherweise ohne Schwimmkenntnisse, rechnete. Und dies auch noch bei den nun einstelligen Wassertemperaturen. Es war zunächst gar nicht einfach sich ein etwas klareres Bild von den Vorkommnissen zu machen. Der nervöse Seebad-Besucher, ein älterer Herr italienischer Muttersprache, tat sich sichtlich schwer ein paar klare Gedanken zu fassen, so aufgeregt war er. Auf mehrfache Nachfrage erhielt ich aber dann doch ein paar Informationen, die mich doch deutlich ruhiger werden ließen.

Jagdinstinkt besiegt Wasserscheu

Denn bei Charlie handelte es sich nicht etwa um eine Person, sondern vielmehr um einen, nach Aussagen seines Besitzers, bereits ebenfalls in die Jahre gekommenen, Rauhaardackel. Deren gemeinsamer, sonntäglicher Spaziergang hatte die beiden am späten Nachmittag nahe am Ufer des Sees vorbeigeführt, wo dann, den Ausführungen des Hundbesitzers zufolge, das Unheil, seinen Anfang genommen hätte. Tatsächlich sei Charlie in jenem Bereich auf eine Gruppe am Ufer sitzender Enten aufmerksam geworden und habe dabei, trotz seines vorgeschrittenen Alters, urplötzlich seinen jugendlichen Jagdinstinkt wiederentdeckt. Der eigentlich wasserscheue Hund habe sofort den Enten nachgejagt und sei von den aufgeschreckten Wasservögeln selbst dann nicht abgegangen, als diese ihr Heil im Wasser des Sees suchten. Immer weiter habe sich die Gruppe – die Enten voraus, der Hund hinterher – vom Seeufer entfernt und sich auf den offenen See gewagt. Nach einiger Zeit habe der Tierfreund seinen Hund aufgrund der zunehmenden Entfernung und des aufkommenden, leichten Wellengangs dann aus den Augen verloren. Er, der Hundebesitzer, befürchtete in der Tat das Schlimmste.

Auf Hundejagd inmitten des Sees

Rasch hatte ich den älteren Herren in mein Boot geholt und schon bald suchten wir zunächst die ufernahen Bereiche, dann immer weiter in Richtung Seemitte, nach dem verschollenen Vierbeiner. Nach einiger Zeit erspähten wir in einiger Entfernung, ziemlich genau in Seemitte eine kleinere Anzahl gemächlich dahinziehender Wasservögel. Und tatsächlich, aus der Nähe war in einigen Metern Entfernung von der Vogelschar im Schlepptau das nur knapp aus dem Wasser ragende, tropfnasse “Köpfchen” von Charlie zu erkennen. Der Hund war sichtlich gezeichnet von der Hetzjagd und konnte dem Tempo der Enten nur mit aller Mühe folgen. Allerdings machte er auch keinerlei Anstalten von dem Objekt seiner Begierde abzulassen. Die Enten hingegen schienen – so bildete ich es mir jedenfalls ein – den Jäger regelrecht vorführen zu wollen. Sie ließen das Tier immer ein wenig näher kommen, um dann, bei Unterschreiten einer kritischen Distanz, mit ein paar raschen Schwimmbewegungen den Sicherheitsabstand mühelos wieder zu vergrößern.

Ende gut, alles gut – dem Kescher sei dank!

Stellte sich nun die Frage, wie wir denn das nasse Häufchen Elend halbwegs sicher ins Boot holen sollten, schließlich musste ich das Boot steuern und zudem bestand die Gefahr, dass sich der leicht gebrechliche Hundebesitzer, mit einer unachtsamen Bewegung zur Rettung seines Gefährten, selbst über Bord beförderte. Da kam mir der übergroße Hechtkescher in den Sinn, der sich immer bei Schleppfahrten in Reichweite befand. Schnell war das Landegerät meinem Gast ausgehändigt und noch rasch erklärt, wie er denn den Dackel am besten in den Kescher befördern konnte. Glücklicherweise gelang der erste Fangversuch, auch da der “hundemüde” Charlie zu keinerlei Fluchtversuch mehr imstande war. Der Hund wurde samt Kescher in das Boot gehievt, wo sich das Tier zu meinem Leidwesen erst einmal einen Großteil des Seewassers aus dem Fell schüttelte. Kurz darauf legten wir am Ufer des Seebads an.

Den Rückweg legte Charlie dann in den Armen seines überglücklichen Herren zurück, da der Dackel zum Laufen augenscheinlich nicht mehr imstande war. Ende gut, alles gut – dem Kescher sei dank!

Text: FishFirst